Meinhof über Dresden: Als Linke noch nicht link waren

Ist es eine deutsche Unsitte, Geschichte mit Zahlen zu deuten? Mit Opferzahlen? Manchmal möglichst groß, bei anderer Gelegenheit eher klein. Als ob die Geschichte dadurch erklärbarer würde. Opfer sind Opfer und bleiben dies. Auch wenn der Betrachter mit der Manipulation dieser Zahlen seinen Standpunkt dokumentieren möchte. Das erste Schild zum Gedenken an die Toten in Auschwitz soll von der Roten Armee angebracht worden sein. Darauf waren 4 Millionen vermerkt. Der Wunsch, den Tod von Menschen so noch furchtbarer erscheinen zu lassen, muss der Vater des Gedankens jener ersten Manipulatoren gewesen sein. Als ob dies die Opfer noch interessieren würde. Die Angehörigen trauern um ihre Toten. Auch diese dürften wenig Interesse daran haben. Schrieb Montgomery seinen Unterlegenen ins Stammbuch, dass die Sieger mit der Geschichtsschreibung den zweiten Sieg über die Verlierer erringen, so sollten die Deutschen die Verlierer sein. Nicht nur zum zweiten Mal, sondern ewig und immer, für alle Zeit. Der Ruf vom Sonderweg der Deutschen machte die Runde. Dass die Deutschen ein Tätervolk sind, durfte in den 1990ern ein amerikanischer Autor ungestört in deutschen Lesesälen, Talkshows und anderswo verbreiten. Unsere Claqueure applaudierten eifrig.

Zwischenzeitlich erschien eine beeindruckende Dokumentation von Fritjof Meyer zu Auschwitz. Er sprach von der gesicherten Zahl von 365.000 Toten. Toten im Gas. Das Furchtbare wurde dadurch nicht weniger furchtbar. Der Krieg, insbesondere dieser große Krieg, hatte seine Fratze nicht verloren. Und. Meyer nahm all denen den Wind aus den Segeln, die auch diese Opferzahlen nicht wahrhaben wollten. Ein Sieg über die Geschichtsschreibung allemal. Inzwischen, so geschehen 2015, sprechen manche wieder von einer Million. Die Dummen werden nicht weniger.

Ein ganz anderes Szenario scheint sich in Dresden abzuspielen. Es geht um den 13. Februar 1945 und die Tage danach. Dresden zählte seinerzeit ca. 630.000 Einwohner und beherbergte eine Unmenge an Flüchtlingen, Kranken usw. Am 13. Februar kamen die Bomber. Erst aus Great Britain und dann die der United States Army Air Forces. Zu DDR-Zeiten sprach man von angloamerikanischen Bombenangriffen. Mindestens 200.000 Tote, oft zur Unkenntlichkeit verbrannte Menschen, waren nach Bombennacht und -tag zu beklagen. Das Leid, das dieses furchtbare Inferno in den Köpfen der Überlebenden auslöste, ist genauso unfassbar, wie man auch bei der Suche nach Vergleichbarem nichts finden wird. Geneigte Leser seien auf Jörg Friedrichs Der Brand verwiesen. Militärisch unsinnig, inhuman, Kriegsverbrechen.

Lange Zeit blieb diese Einschätzung ohne Widerspruch. Das Grauen des Bombenkrieges gegen deutsche Städte hatte einen Namen – Dresden. Bis 1989. Die Sieger wechselten. 1994 verließ der letzte russische Soldat Deutschland. Und damit auch jenen Teil Deutschlands, in dem Dresden liegt. Seither ist die Debatte um Dresden eröffnet. Die Queen kam und junge „Linke“ pinselten sich „Bomber Harris do it again“ auf die nackten Leiber. „Bomber-Harris“, Oberbefehlshaber der RAF, war jener General, der diesen furchtbaren Angriff auf Dresden befehligte. 1945. Als nichts mehr zu entscheiden war. Unter dem Banner „Kampf gegen rechts“ wird seitdem manipuliert und gelogen, dass sich die Balken biegen. Wer um Dresden trauert und für seinen Protest gegen dieses Verbrechen, ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit, auf die Straße geht, ist ein Rechter. Ist ein Nazi. Wer diesen Protest verhindert, vielleicht stattdessen still trauert, der ist links. Ist das nicht link?

Dem Autor wurde in diesen Tagen ein Text zugespielt, den Ulrike Meinhof 1965 in konkret veröffentlichte. In jenem Jahr jährten sich die Bomben von Dresden zum 20. Mal. Meinhof beginnt ihren Text sehr sachlich: „Vor zwanzig Jahren, am 13. und 14. Februar 1945, in der Nacht von Fastnachtdienstag auf Aschermittwoch, ist der größte Luftangriff der alliierten Bomberkommandos im Zweiten Weltkrieg auf eine deutsche Stadt geflogen worden: Der Angriff auf Dresden. Dreimal innerhalb von 14 Stunden wurde die Stadt bombardiert.“ Um wenig später dem Leser einen kleinen Eindruck jenes Grauens zu vermitteln: „Als die englischen Bomber abflogen, hinterließen sie ein Flammenmeer, das über 80 Kilometer weit den Himmel glühend machte.“

Jeder Manipulation unverdächtig schrieb Meinhof: „Über 200.000 Menschen sind in den Flammen von Dresden umgekommen.“ Heute ein Sakrileg, damals noch völlig harmlos, zitiert Meinhof den britischen Historiker David Irving: „Zum ersten Mal in der Geschichte des Krieges hatte ein Luftangriff ein Ziel so verheerend zerstört, dass es nicht genügend unverletzte Überlebende gab, um die Toten zu begraben.“

Sehr vorsichtig wird Meinhof bei der Zahl der Einwohner zum Zeitpunkt des Bombenterrors: „Als es zerstört wurde, hielten sich über eine Million Menschen in dieser Stadt auf. Man schätzt 1,2 bis 1,4 Millionen. Flüchtlinge aus Schlesien, Pommern und Ostpreußen, Evakuierte aus Berlin und dem Rheinland, Kindertransporte, Kriegsgefangene und Fremdarbeiter.“ Hinzu kam: Dresden war ein Lazarett. Fast täglich wurde ein neues provisorisches Hospital eröffnet. Es gab in Dresden keine Rüstungsindustrie. Es herrschte der (Irr)Glaube, dass es Dresden nicht treffen könne. Schon gar nicht so unmittelbar vor dem Untergang, dem Ende. Das auch in jenen Tagen schon fast körperlich zu spüren gewesen sein muss. Meinhof dazu: „Dresden galt in ganz Deutschland als eine Stadt, die nicht bombardiert werden würde. Sie wurde zur Lazarettstadt für verwundete Soldaten erklärt und mit riesigen Rotkreuz-Symbolen auf den Dächern gekennzeichnet.“ Spitzfindigen, die meinen, die Deutschen hätten sich weder an Genfer Konventionen noch an die Haager Landkriegsordnung (1907) gehalten, sei ins Stammbuch geschrieben, dass es hierbei im Wesentlichen um die Behandlung sowjetischer Kriegsgefangener ging. Die westlichen Alliierter wurden dagegen meist gemäß internationaler Verpflichtungen (Genfer Abkommen von 1864) behandelt. Nicht die Russen kamen mit ihren Bomben. Sondern unsere heutigen Freunde, die Briten und Amerikaner.

Meinhof weiter: „Vor allem konnte sich kein Mensch vorstellen, dass eine Stadt, die täglich neue Krankenhäuser und Lazarette einrichtete, in die täglich Hunderttausende von Flüchtlingen, hauptsächlich Frauen und Kinder, einströmten, bombardiert werden würde.“ Die Fratze des Krieges ist unvorstellbar. Sie ist grausam und erbarmungslos. Heute wie damals. Dresden oder Aleppo. Wie sich die Bilder gleichen.

Bomber-Harris und Co. mussten geahnt haben, dass Schreckliches passieren würde. Sie gaben den Tötungsbefehl mit Vorsatz. Meinhof: „Man hatte den englischen Soldaten, die die Angriffe geflogen haben, nicht die Wahrheit gesagt. Man hat gesagt: Ihre Flotte greift das Oberkommando des Heeres in Dresden an. Man hat gesagt, Dresden sei ein wichtiges Nachschubzentrum für die Ostfront. Man hat gesagt, das Angriffsziel sei ein Gestapo-Hauptquartier im Stadtzentrum, ein wichtiges Munitionswerk, ein großes Giftgaswerk.“

Meinhof geht noch weiter. Sie zeigt den Schwindel auf. Der Fisch stinkt bekanntlich vom Kopf her: „Es ist der englischen Regierung unter ihrem Premierminister Sir Winston Churchill bis zum Ende des Krieges, bis März 45, gelungen, den tatsächlichen, absichtlichen, planmäßigen Charakter der britischen Bombenangriffe auf deutsche Städte geheim zu halten. Dresden war der Höhepunkt dieser Politik.“

Während bei jeder unpassenden Gelegenheit deutsche Staatsoberhäupter vor Fremden in den Staub fallen, um sich für deren erlittenes Unrecht zu entschuldigen, fehlt bis heute jede Entschuldigung aus dem englischem Haus. Selbst der Queen, die ihre deutschen Vorfahren verheimlicht – aus Battenberg wurde Mountbatten –, entfuhr kein Wort der Abbitte an das deutsche Volk.

Meinhof schon 1965: „Daß an der Bahre Sir Winston Churchills das Stichwort Dresden nicht gefallen ist, legt den Verdacht nahe, Dresden sollte immer noch dem Volk angelastet werden, das doch selbst betrogen worden ist.“

Die offiziell zugestandene Opferzahl von Dresden soll im Übrigen 25.000 betragen…

https://www.compact-online.de/meinhof-ueber-dresden-als-linke-noch-nicht-link-waren/

 

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